Allgäu und der Rest der Welt

Tunesien 2010

Dieses Jahr stand nichts besonderes an. Aber ganz ohne was Neues zu sehen, sollte das Jahr nicht vorübergehen. Da ich Tunesien noch nicht kannte lag es nahe, es ist einfach zu erreichen und alles ohne allzu großen Zeitaufwand.

Ende April, also schon spät genug, machten wir uns auf die Socken in Richtung Hafen Genua. 

Im Hafen herrschte das typische Chaos, irgendwann hatten wir offenbar alle Zettel und Stempel und unterhielten uns mit heimreisenden Tunesiern zwischen mit Hausrat und Sperrmüll überladenen PKW. Bei der Einfahrt in die Fähre fehlte dann doch die Bescheinigung der Polizei, aber die zeigte sich kulant, wir durften rein.

 

Die abendliche Ankunft in Tunis begann mit einer einstündigen Hotelsuche, in der Zeit wären wir fast noch bis Koirouan gekommen. So speisten wir im gepflegten Hotelrestaurant im Cesar und trollten uns am nächsten Morgen nach den ersten Regentropfen in Richtung Süden.

In Kairoun lächelt noch der Präsident, zwischenzeitlich wird er abgehängt sein. 

Wir nahmen uns einen Tag Zeit für die Heilige Stadt Kairouan.

Die Große Moschee, Djama Sidi Oqba

Schon im Jahr 671 errichteten arabische Reiterheere unter Oqba Ibn Nafi, einem Gefährten Mohammeds den militärischen Stützpunkt Kairouan, was so viel heißt wie Karawane.

Kairouan war einst wichtigster Marktort und ein Gang durch die Gassen und Souks lohnt sich auch heute.

Die Kinder sind in ganz Tunesien nicht aufdringlich, es ist kein Vergleich mit Marokko. Überhaupt sind die Menschen in Tunesien wesentlich zurückhaltender als in Marokko.

Kamel gibt es nicht nur hier, es wird oft auch am Straßenrand vom Grill angeboten.

Wir genießen die typischen Bilder in den Gassen Kairouans, essen dann aber abends doch lieber im hervorragenden Hotel La Kasbah.

An der Strecke Richtung Libyen kann hier noch Sprit gebunkert werden.

 

Von Kairouan fahren wir Richtung Süden um hinter Tatouine über eine der Pisten zum Ksar Ghilane zu kommen. Der Verkehr Richtung Libyen nimmt merklich zu und wir haben wieder Ruhe, als wir nach Tatouine abbiegen, wo unser Wunschhotel wegen einer Rallye ausgebucht ist. So essen wir wenigstens im malerischen Innenhof zu Abend.

Am nächsten Tag fahren wir gemütlich zu den vielen einstigen Speicherburgen, wie hier das Ksar Ouled Soltane und lassen uns erklären, daß schon vor über 1000 Jahren zum Verschließen der Türen quasi codierte Hölzer verwendet worden sind.

Im 7. und besonders im 11. Jh sind diese Ksour in typischer Lehmbauweise hier im Dahar Gebirge entstanden, als sich die berberische Urbevölkerung vor plündernden Nomadenhorden aus Agypten in Sicherheit brachten.Heute stehen sie überwiegend leer und erfreuen Touristen, die sich hierher verirren.

Das alte Douirat ist wie Chenini ein pittoresk auf Bergkuppen gebautes Berberdorf, touristisch aber ruhiger als Chenini.

  

Von Tatouine wollen wir Wüstenneulinge erst mal irgendwie Richtung Ksar Ghilane kommen, oder besser gesagt zunächst mal zum Camp Ghilane, einst ein kleines Camp in der Sahara, heute eine Ansammlung von mehreren Campingplätzen, darunter auch mit klimatisierten Zelten.

 

dazwischen liegen allerdings etwa 85 km, mit Ausnahme der letzten und ersten paar Kilometer ist das Piste. Trotz vollem Gepäck und damit knapp 300 kg leer entscheiden wir uns für die Piste.

Wir schwitzen und trotzdem macht es jede Menge Spaß, zumindest so lange die Fuhre vorwärts geht.

Irgendwo haben wir aber einen schlechten Abzweig erwischt und steckten alle paar Meter, das heißt erst mal die 300 kg mit voller Beladung umschmeissen, wieder aufstellen und Versuch Nr. 2, oder gleich schieben.

 

Egal ob schieben oder aufstellen, die Körpertemperatur steigt unter den Lederklamotten auf geschätzte 80 °, aber wir wollten es ja so.

Irgendwo bei km 60 dann tatsächlich - so ein Luxus - das Cafe Loutid. Die Boxer stehen auch ohne Ständer, sie scheinen überhaupt von der Hitze und Anstrengung weniger beeindruckt zu sein als wir und dürfen deshalb auch nicht ins Cafe. Der Besitzer wartet schon auf uns einzige Gäste. Im Innern ist es erstaunlich kühl und wir kippen einige Cola hinter die Binde. 

Noch 53 km bis zum Brunnen Bir Soltane, bis hierher wars noch recht bequem.

Und irgendwann treffen wir auf die alte Pipelinepiste, die seit sie geteert wurde keine mehr ist und gleich danach auf das Camp. Die Versuchung mit den klimatisierten Zelten ist groß, aber wir sind ja keine Schattenparker und entscheiden uns für ein traditionelles Berberzelt.

 

Abends werden noch ein paar Schnaken erschlagen und morgens gleich ein Bad in der warmen Quelle mitten in der Sahara genommen.

Wer aber geglaubt hatte der Kamelritt bis zum in den Dünen gelegenen alten Wüstenfestung der Franzosen sei bequem, der ist schnell wieder auf seine gute alte Kuh gesessen und selbsts auf Lothars Yamaha muss es bequemer sein.

Unser nächstes Ziel war die Wüstenoase Douz mit etwa 30.000 Einwohnern auch das Tor zur Sahara genannt. Und wie überall in Nordafrika sind die Märkte ein unerschöpflicher Fundus an allem was bei uns längst im Müll gelandet wäre. Für Boxer gibts allerdings nichts, wahrscheinlich weil da sowieso nie was kaputtgeht!

Aber auch mit Gemüse könnten wir uns eindecken,

oder den unzähligen Gewürzen, von denen einige in unseren Koffern verschwinden und mit nach Hause wandern.

Djedidi - Mohamed Cordonnier, der sein kleines Schuhmachergeschäft am Marktplatz in Douz hat fertigt uns während unseres 2 - tägigen Aufenthalts nicht nur Schuhe nach unseren Wünschen sondern auch eine passgenaue Ledertasche in die neuen Touratechkoffer von Helge. Daran fand sogar Touratech Gefallen.

Das muss natürlich standesgemäß dokumentiert werden!

 

Wir geniessen die 2 Tage in Douz, vor allem auf dem größten Krämer- und Viehmarkt Südtunesiens.

Allerdings waren wir ja eigentlich zum Motorradfahren hier und ließen die Kühe mal ohne Gepäck und mit wenig Sprit im Tank durch die Dünen fliegen.

Lothar nahm das mit dem Fliegen zu ernst.

Hinter einer steil abfallenden Düne klappte er seine Flügel zu spät aus, es folgte ein Salto vorwärts ohne Punktevergabe. War ja auch klar, daß das nicht funktionieren konnte, fliegen können schließlich nur Kühe, eine Yamaha nie und nimmer.

Aber wie man sieht,  lief sie nachdem beide aufgerichtet waren wieder ohne zu murren.

Während unsere Dicken heute immer wieder einfach stecken blieben, bis sich der TKC eingegraben hatte und der Motor aufsaß.

Nach den zwei Tagen in Douz und den Sandspielen fahren wir durchs Chott El Jerid. Mit dem angrenzenden kleineren Chott EL Fejaj bildet es die größte zusammenhängende Salzwüste der Sahara. Und obwohl heute eine befestigte Straße durch das Schott führt bieten sich genügend Möglichkeiten auf dem festen Untergrund  über die Salzflächen zu fahren.

Sollte einen unterwegs ein dringendes Bedürfnis überfallen gibts auch kalte Cola am Straßenrand und hier kann man sie anschließend wieder loswerden. Dabei hat man bei diesen "Toilettes confortable" die Wahl zwischen "Normal" , "Confort" und "Delux" Die beiden links schrecken schon bei der Annäherung ab, sofern der Geruchssinn nicht gerade gestört ist. Die 3 Sterne beim "Delux" - Klo sind eindeutig Landeskategorie!

Wir verzichten und fahren gen Tozeur.

Tozeur am anderen Ende des Chott El Jerid ist das andere Tor zur Wüste, 60 km von der algerischen Grenze entfernt. Die 40.000 Einwohner Stadt ist bekannt durch seine Lehmziegelarchitektur, deren Fertigung in Handarbeit man hier sehen kann.

Von hier machen wir eine Ausflug zu den Bergoasen nördlich des Chott El Gharsa unmittelbar an der algerischen Grenze bei Tamerza.

Rommel hatte im 2. Weltkrieg hierher von Süden die erste befahrbare Piste angelegt. 

Wir wollen noch bis ans Ende der eindrucksvollen Seldja Schlucht fahren, da stellt sich uns aber an der Einfahrt erst mal ein wichtiger "Schluchtenführer" in den Weg. Erstens könne man nicht in die Schlucht weil die Straße zerstört ist, zweitens würde das nur mit ihm als Führer und drittens zu einem utopischen Preis möglich sein. Wir bieten ihm ein Zehntel seiner unverschämten Forderung auf die er mangels Touristen schließlich eingeht. Mit seinem Mofa will er uns führen. Die Naturstraße ist kurz vorher durch starke Regenfälle so stark beschädigt daß für Autos kein Durchkommen mehr ist. Unser Mofaführer gibt schließlich auch auf und wir fahren unbehelligt durch die beeindruckende Schlucht zwischen senkrechten Wänden bis auch für uns Schluss ist. Strasse und Bahntrasse wurden komplett weggerissen.

Langsam wird es für uns Zeit an die Rückfahrt zu denken und wir fahren entlang der algerischen Grenze zurück zum Mittelmeer.

Irgendwo an der Strecke übermannt uns der Hunger und schließlich finden wir in einem Dorf am Weg eine geeignete Lokalität. Uns wird aufgetischt, was das Haus zu bieten hat. Zumindest an der Quantität herrscht kein Mangel. Während das Innere der Würste allerdings undefinierbar ist, ist es das auf den Spießen nicht, das besteht nämlich zu 90 % aus Fett. Aber heute gilt "Hauptsach dr Ranza schpannt" (Für Nichteingeweihte: Hauptsache der Bauch ist voll), und man sieht deutlich daß es Bruno und Lothar schmeckt!

 

Auch hier zeigt sich, daß Erfindungsreichtum und Recycling in Tunesien weiter fortgeschritten ist als im modernen Deutschland: Alte Fahrradspeichen wurden zu Spießen umfunktioniert.

Das Innere des maurischen Cafes Andalous in Tabarka ist voller Antiquitäten und Kuriositäten.

Vor dem Mittelmeerort Tabarka fühlen wir fast ins Allgäu versetzt. Hügelige Landschaft mit viel Niederschlag und Häuser mit Satteldächern, ähnlich wie im Mittleren Atlas in Marokko. Tabarka ist ein verschlafenes Hafenstädtchen einen Steinwurf von der algerischen Grenze entfernt mit einem hervorragenden Hotel und gutem Restaurant, in dem wir uns von den Speichenspießen erholen können.

Durch grüne Landschaften fahren wir schließlich zurück nach Tunis und suchen uns ein Hotel in der Innenstadt. Wir fühlen uns wieder zurückversetzt nach Europa. Straßencafes und eine moderne Stadt mit viel Verkehr.

Es hat uns Spaß gemacht, Tunesien hat viele Gesichter und läßt sich auch in 2 Wochen gut bereisen. Und im Sand selbst mit den schweren GS zu fahren hat etwas, was nach Wiederholung schreit. Bis zum nächsten Mal. Hoffen wir daß die Tunesier die Unruhen gut überstehen und dieses Land nicht den Weg des Iran von 1979 geht.

Am nächsten Morgen geht die Fähre zurück nach Genua. Nachdem wir dort um Mitternacht eintrudeln und nach über einstündiger Suche kein Hotel finden wirds mir zu blöd. Wir fahren weiter, trinken noch einen starken Espresso, schmeissen uns in die Regenklamotten weil Italien gerade nicht trocken ist und sind am nächsten Morgen daheim. Jetzt holen wir den versäumten Schlaf nach.

Am Mittag stelle ich dann fest, daß die GS Öl verloren hat.

Nach jetzt über 120 000 problemlosen Kilometern war der Druck der letzten paar Autobahnkilometer vermutlich zu groß. Nächste Woche will ich nach Italien.

Da wechselt mir meine Werkstatt BMW Schek in Wangen/Allgäu zwischendurch auf die Schnelle die Kopfdichtung.

Vielen Dank deshalb einmal an dieser Stelle für die wie immer gute Arbeit an die Mannen bei Motorrad Schek !