Allgäu und der Rest der Welt

Mit dem Motorrad durch Bulgarien und Rumänien




2003 sind Hartmut und ich nach unserem alljährlichen Motorradurlaub in Italien mit der Fähre nach Igoumenitsa und durch Griechenland nach Bulgarien gefahren. Durch die wurnderschöne Karpatenlandschaft und schönen Städtchen ging's über Ungarn wieder zurück.




In Italien genossen wir noch unseren letzten italienischen Cappuccino, der das Leben in Italien so furchtbar angenehm macht. Außerdem hatten wir die wie sich zeigen sollte berechtigte Befürchtung, daß uns solche Annehmlichkeiten die nächsten Tage vorenthalten werden würden. Eine ziemlich grässliche Vorstellung.




Also verließen das uns so vertraute Italien, wo wir uns doch fast schon wie zu Hause fühlen in Richtung Griechenland.
Eigentlich hätte es zuerst nach Albanien gehen sollen. Meine Recherchen und Informationen waren allerdings ziemlich abschreckend. Von gefährlich bis Überfall war alles fürchterliche enthalten und da ich bis zum vorletzten Tag keine Mitfahrer hatte und auch keine Lust in Albanien hinterlistig erschossen zu werden ließ ich also Albanien in meiner Planung sicherheitshalber weg.
Um jetzt aber gleich einer falschen Interpretation vorzubeugen:

Dieses Horrorszenario über Albanien, wie man es immer noch manchmal hört oder liest ist der blanke Unsinn. Hätte ich das nur damals schon gewußt...

Ich habe die Albaner in Albanien als äußerst freundlich kennen gelernt und wollte eigentlich dieses Jahr (2008) wieder hin, hab's aber nicht geschafft.
Mehr über Albanien steht ja auch im Bericht über Albanien.

So stiegen wir morgens um 8 Uhr aus der Fähre und fuhren quer durch Griechenland. Vor Ioaninna kam es dann zum ersten Crash. Ich konnte mit meinem Kopf einem kleinen Singvogel nicht mehr ausweichen und der steckte schließlich zwischen Helmkante und meiner Brille im Helm (ich fahre nur bei Regen mit Visier). Leider war ihm nicht mehr zu helfen, aber es sollte unser einziger Unfall sein.



Eine Runde durch Meteora und die griechischen Klöster mit kurzer Pause in Trikala ließen wir uns nicht nehmen, bevor wir zügig Richtung Thessaloniki  fuhren, dort mühsam den Ausgang suchten und irgendwann am späten Nachmittag vor der bulgarischen Grenze standen. 
Immerhin durften wir auch durchs Desinfektionsbad fahren und nachdem wir die Grenzformalitäten überwunden hatten standen wir auf einer neuen und gut ausgebauten Straße in Richtung Norden. Kurz darauf eine große Tafel, jetzt wußten wir, daß die EU diesen Neubau finanziert. Nach der nächsten Abzweigung in Richtung Melnik erlebten wir dann die bulgarische Realität in Sachen Straßenbau.



Nach knapp 700 km haben wir Melnik erreicht, ein Dorf in einem bizarren  Sandsteingebirge, einst so viele Einwohner wie Sofia. Heute ist Melnik ein Architektur-Reservat mit gerade mal rund 100 Häusern.
Im 17./18. Jh. lebten hier 20.000 Menschen hauptsächlich vom Wein- und Tabakanbau.

 
Griechen, Armenier, Juden, Türken und Bulgaren lebten friedlich in dieser Stadt mit damals allein 72 Kirchen. 1912 setzten die Türken dem Wohlstand ein Ende und brannten die Stadt nieder. Was heute übrig ist, ist großteil dringend renovierungsbedürftig.
Wir finden jedenfalls schnell ein authentisches privates Übernachtungsquartier mit ebensolcher Sanitärausstattung. Die Motorräder verschwinden in einer Bar, in der noch die Stühle beiseite geschoben werden müssen und der Besitzer freut sich über ein paar Leva, die genau der Wert der guten alten DM haben, an die sie gebunden war.
Die Gastronomie ist schon am Anfang des Aufschwungs und für ein opulentes mehrgängiges Menü einschließlich dem berühmten Wein aus der Gegend wechseln für uns beide gerade mal umgerechnet 14 Euro den Besitzer.



Zweifellos hat das auch heute noch sehenswerte Melnik schon bessere Zeiten gesehen, so schrieb  im 19. Jh der Reisende Schopow für die Nachwelt auf: "Wer Melnik nicht erlebt hat, etwas im Leben verpaßt hat."
Wir erleben jedenfalls am nächsten Morgen erst mal, daß wir hier mit unseren Sprachkenntnissen nicht weit kommen. Frau versteht uns nicht, die "Frühstückspeisekarte" können wir nicht entziffern, so bleiben die offenbar überall verstandenen Worte Omlett und Kaffee, an was wir uns dann auch hinreichend laben.

Das Wetter ist wechselhaft wie die Landschaft durch die wir Richtung Norden in Richtung Piringebirge fahren. Dafür lächelt uns die hübsche Dame vom übergroßen Plakat freundlich an.




Außerdem ist an manchen Straßenkreuzungen ein gutes Näschen notwendig, weil manche Ortsnamen meine Straßenkarte genausowenig kennt wie hier die ganze Kreuzung.



Auf der Fahrt durch dieses Land wird uns ständig deutlich, daß anscheinend überall Armut herrscht. Trotzdem haben wir überall freundliche Menschen getroffen und trotz mancher Gelegenheit wurden wir nie bestohlen.



Wir kommen am Wintersportort Bansko vorbei, an einem hässlichen Hotelkotz
klebt ein großes Schild mit der Aufschrift "Rossignol", der Ort ist geprägt von Landwirtschaft, die Skilifte verstecken sich, hierher wird sich niemand aus dem Westen verirren.

Wir queren die Autobahn Sofia - Türkei und stehen bald am Fuße des Balkan.



Hier liegt das Tal der Rosen, leider sind wir etwas zu früh um 90 km weit den Duft und die Pracht der bunten Blüten bestaunen zu können. Dafür lausche ich einige Zeit dem Schäfer, der mir offenbar etwas über seine schöne Heimat erzählt. Leider verstehe ich kein Wort.




Zwischen stinkenden LKW's aus allen möglichen Ländern fahren wir über eine erbarmungslose Schlaglochpiste den Sipka Pass hinauf. Wo heute türkische LKW fahren fochten Bulgaren und Türken vor 150 Jahren noch schwere Kämpfe aus.
Wir fahren durch den landschaftlich reizvollen Norden Bulgariens in Richtung der rumänischen Grenze bei Ruse.



Hier wieder das abschreckende Bild von Armut und Verfall; am Rand der Stadt wohnen die Ärmsten unter Plastikfolien und sammeln den Müll an der Straße. Die Plattenbauten sind wie überall im Verfall begriffen.



Ruse lassen wir schnell hinter uns liegen.
Der bulgarische Grenzer interessiert sich für Motorräder und kramt eine alte Motorradzeitung hervor. Er will meine Meinung über Yamaha wissen, offenbar hat er mal eine gehabt, da kann auch für einen BMW - Fahrer die Antwort nur positiv ausfallen, Überzeugung hin oder her, schließlich wollen wir noch ohne Stress über die Grenze. Wir dürfen wieder durch mehrere Desinfektionsbäder fahren und drei nette Mädels an der Wiegestelle schlagen uns vor, doch einen Euro für den Kaffee liegen zu lassen, sie würden uns auch nicht kontrollieren.



In Giurgu, einer heissen und schmutzigen Grenzstadt suchen wir zuerst ein Bank. Hartmut "bewacht" die sofort umlagerten Motorräder und ich überfalle die Bank mit der sagenhaften Beute von 3 Millionen und 470 Tausend Lei und wir flüchten Richtung Norden. Die Bank hat von mir gerade mal 100 Euro dafür bekommen.
Pferdefuhrwerke sind allgegenwärtig. Als wir im nächsten Ort eine Nebenstraße in Richtung Bukarest suchen müssen wir unsere Definition von Armut nochmals deutlich nach unten korrigieren. Auf der Straße, die diesen Namen nicht verdient fahren wir durch ein Viertel mit vielen Familien, die hier alle unter erbärmlichen Verhältnissen leben. Im ersten Moment weiß ich nicht ob hier anhalten klug ist. Eigentlich müssten doch alle sofort über uns herfallen, aber nichts passiert.

Die ausgesuchte "Nebenstraße" ist selbst für meine Verhältnisse ungenießbar. Man fährt zwischen den tiefen Schlaglöchern Slalom und nur Esel und Pferdekarren scheinen hier zu verkehren.



Hier ist kein Vorwärtskommen, wir ziehen doch die ruß- und abgasgeschwängerte Hauptstraße vor.
In Bukarest dasselbe armselige Bild am Ortseingang. In der Innenstadt dann die alten Prachtbauten aus der Ceaucescu Zeit und am anderen Ende der Millionenstadt die modernen Neubauten von Aldi, Obi und co. Hier werden diejenigen vom anderen Ende der Stadt so schnell allerdings nichts kaufen können.




Hinter Bukarest sind wir wieder auf dem Land.
Oder besser im Land hinter den Bergen, was Transsilvanien bedeutet. In den Karpaten des Dracula, Transsilvanien, Siebenbürgen mit seinen ursprünglich deutschen Städten.
Im 12. Jh. holten die Ungarn deutsche Siedler von Rhein und Mosel hierher.
Siebenbürgen wurde nach den sieben illegal erbauten Burgen, darunter auch Hermannstadt -heute Sibiu- benannt.  Sibiu hat heute wieder einen deutschstämmigen Bürgermeister. Viele Dörfer hier erinnern an alte deutsche Bauweise.



Aber die Karpaten haben mehr zu bieten als Erinnerungen.
Berge, Skigebiete und Landschaften wie im schönen Allgäu.
Unsere Motelwahl war schlecht in Sibiu, wir sind in einem schmudeligen Hotel gelandet und nachts geht auf dem Parkplatz auch noch meine Alarmanlage herunter. Ein Blick auf den Hof, anscheinend sind alle Gäste zu ihren wertvollen Karossen geeilt, zum Glück hat meine Hupe schon wieder abgestellt, vielleicht war sie nur nervös.



Wir bummeln heute durch die kleinen Orte Siebenbürgens mit ihren Kirchen, Burgen oder auch befestigten Wehr- und Kirchenburgen.



Pferdekarren sind hier die dominanten Transportmittel der Landwirtschaft, und hier ist noch alles Landwirtschaft, gleichbedeutend mit Handarbeit. Traktoren haben wir kaum gesehen.





Wir landen schließlich in Sighisoara. Im früheren Schäßburg steht die besterhaltene Burganlage und nach kurzerm Warten unter der Burg werden wir auch schon in ein schönes gepflegtes Gasthaus gelotst. Die geschäftstüchtige Siebenbürgerin setzt sich mutig und ohne Helm auf mein Motorrad und lotst mich durch die Stadt. Wahrscheinlich mache ich einfach einen  vertrauenserweckenden Eindruck auf sie.
Es gehört einem deutschstämmigen Rumänen, der stolz war, nicht ausgewandert zu sein und uns seine interessante Sicht der Lage Rumäniens geduldig erläuterte.



Blick von der Burg Sighisoaras über die Stadt, die eine Reise wert ist. Wir können es uns leisten, im besten Lokal zu speisen, noch sind die Preise günstig und in unserem Hotel genehmigen wir uns mit dem Hausherr noch eine Flasche "Draculablut". Wir haben gut geschlafen, Dracula blieb in seinem Sarg.



Wir hatten die letzten Tage ein bisschen die zeit verplempert und so stand auf unserem Fahrplan noch zwei Tage Zeit für die letzten ungefähr 1700 km.   



Die letzten 300 km durch Rumänien machten es uns dabei nicht leichter, auch wenn die BMW's ihre Freude an den vielen Holperstrecken und Baustellen hatten. Jetzt blieb keine Zeit mehr für viele Bilder, am nächsten Abend hatten wir Rumänien hinter uns gelassen und fanden 500 m vor der österreichischen Grenze ein gemütliches Hotel, in dem wir nochmals gutes Essen und vor allem guten Wein genossen, schließlich hatten wir nochmals einen langen Fahrtag vor uns.

Zum Schluss blieb vor allem die Erinnerung an die schönen Landschaften Bulgariens und Rumäniens in unserer Erinnerung genauso wie die freundlichen Menschen.

Grund genug wieder hierher zu kommen.