Allgäu und der Rest der Welt

2017 

 Russland, Seidenstrasse, Pamir und Mongolei

Eigentlich war diese Reise schon für 2016 geplant. Alles war vorbereitet, allein die Visa hatten über 500€ gekostet und meine alte R 80 GS, der ich einen großen 34 l PD Tank verpasst hatte stand startklar in der Garage.



Aber wie jedes Jahr war ich im Frühjahr noch für eine Woche in Italien mit meiner R1100 GS. Beim Fahren im Stehen mit ca. 70 km/h brach mir dabei die rechte Fußraste völlig unvermittelt und ich stand bei diesem Tempo mit meinen 80 kg auf der Straße. Ein sehr unangenehmes und überaus schmerzhaftes Ereignis.

Ich hatte seit weniger als einem Jahr eine Fußraste der Fa. Offroadbasis in Ostfildern bei Stuttgart montiert.




Hier sieht man den Rest, den Teil der an der Halterung der BMW montiert ist. An den beiden Längsschlitzen war die eigentliche Raste "angeschweißt" gewesen.
Trotz mehrerer Anschreiben hat sich der Hersteller Offroadbasis dazu mit keinem Wort geäußert.
Die Folge war eine mehrwöchige intensive ärztliche und physiotherapeutische Behandlung, verfallene Visa für die Stan-Länder, viel Frust und dann letztlich noch eine nur 4-wöchige Reise durch Russland.

2017 sollte also alles besser werden.

Zumindest kann ich mir 2016 viel Zeit für die vielen sehenswerten Ziele in Polen, der Ukraine und Russland lassen.

Also geht es über Tschechien nach Polen. In Krakau, Polens Kulturstadt ließe es sich auch länger aushalten. Eine schöne Stadt mit vielen Möglichkeiten die lauen Sommerabende im Zentrum am Hauptmarkt zu genießen.



Die Grenze zur Ukraine ist schnell passiert und in der Ukraine steht Lviv, die einstige Hauptstadt Ostgaliziens, zu deutsch Lemberg quasi am Weg.



Heute nicht nur eine Stadt mit beeindruckender Architektonik, sondern auch mit einem wunderbaren multikulturellen Flair.
Und mit alten Kaffeehäusern, zum Beispiel dem Wiener Kaffeehaus in denen man Kaffee und Strudel genießen kann und auch unbedingt sollte.



Bevor es weiter nach Kiev geht mache ich noch einen Bogen über Czernowitz. Eine Stadt mit wechselvoller Geschichte. 1875 war hier schon eine deutschsprachige Universität in der Zeit Kaiser Franz Josefs gegründet worden.
In diesem Kaffehaus, in dem auch eine vorzügliche Sachertorte serviert wird hängen noch Originaldokumente aus dieser Zeit.



Aber nicht nur die zahlreichen Kaffeehäuser, in denen Kaiser Franz Josef I. überall präsent ist, auch die Stadt lohnt einen längeren Besuch.



Weniger einladend sind nur die Straßen zwischen den Städten, fährt man nicht nur auf den Hauptadern des Landes. Auch auf vermeintlich guten Straßen ist Aufmerksamkeit gefordert, will man nicht in einem dieser Schlaglöcher stranden.



Für Kiev sollte man sich mehrer Tage Zeit nehmen. Diese Stadt und die Freundlichkeit auf die man überall trifft ist es wert.
Kiev, mit etwa 3 Mio Einwohnern Haupt- und gleichzeitig größte Stadt der Ukraine, hat viele Sehenswürdigkeiten und eine hervorragende Infrastruktur. Englisch wird hier im Gegensatz zu Russland häufig gesprochen, so daß kaum Verständigungsprobleme auftreten.



Der Maidan Platz Kievs, der 2013 in aller Welt in die Schlagzeilen geraten war liegt wieder friedlich und als wäre nichts geschehen im Zentrum der Stadt. Den damals um's Leben gekommenen Männer und Frauen wird mit Gedenktafeln und Bildern gedacht. Aber davon, daß dieser Konflikt mit Russland nach wie vor besteht spürt man in dieser pulsierenden Stadt nichts.



Aber Sehenswürdigkeiten hat die Stadt viele, das Kiever Höhlenkloster, eines der ältesten russich-orthodoxen Klöster der Kiever Rus und heute Weltkulturerbe der UNESCO ist nur eine davon, vielleicht ein der größten.



Kiev, als Zentrum des Kiever Rus, dem mittelalterlichen Großreich aus dem das spätere Russland, Ukraine und Weißrussland hervorgegangen ist, ist heute inmitten von Klöstern, Kirchen und beeindruckender Architektur eine moderne Großstadt.



Kiev ist die letzte Stadt der Ukraine, bevor es ein paar hundert km weiter nach Russland geht. Ich habe einen kleinen Grenzübergang ausgesucht, den ich nur mit Mühe finde. In ein paar heruntergekommenen Baracken hinter einem Schlagbaum befindet sich die ukrainische Grenzstelle. Ich werde freundlich begrüßt, nach einer kurzen Kontrolle, einem Stempel im Paß darf ich weiterfahren.

Der russische Grenzbeamte hält mir dagegen erst mal einen längeren Vortrag, nachdem ich auf englisch nach einem deutschen oder englischen Zollerklärungsformular frage. Das russische ist kyrillisch und auch wenn ich das lesen kann, ich verstehe es nicht.
Seinen russischen Vortrag auch nicht, aber was er mir sagen will kann ich deuten: Wenn man in ein so schönes und so großes Land wie Russland reist sollte man auch russisch sprechen können.
Ich lächle ihn freundlich an, er hat ja recht. Das Fenster seiner Baracke schließt sich und öffnet sich zwei Minuten später wieder.
Er reicht mir das zweiseitige, zweifach auszufüllende Zollformular in deutscher Sprache!
Den Rest erledigt freundlich und zuvorkommend seine Kollegin am anderen Fenster, ich muss noch ein paar Formulare unterschreiben, deren Inhalt ich nicht kenne und ich werde nach ca. 2 Stunden in's russische Reich entlassen.

2016 war meine erste Station dann Kursk, wo ich auch 2017 wieder übernachtet habe. Von dort besuchte ich über Woronesch Wolgograd, das ehemalige Stalingrad.



Auf dem Mamajew-Hügel, im 2. Weltkrieg umkämpft steht heute die Kolossalstatue "Mutter Heimat ruft" . Sie ist mit 82 m Höhe und einem Gewicht von ca. 8000 t eine der größten Statuen der Welt.



Gleich unterhalb befindet sich der Saal des Soldatenruhms mit den unendlich langen Namenstafeln gefallener Soldaten. Allein hier am Mamajew Hügel sollen es 30.000 gewesen sein.



Nicht weniger eindrücklich sind die Bilder in Rossoschka. Am Fluss Rossoschka stehen sich der russische und  der deutsche Soldatenfriedhof gegenüber.
Hier, etwa 35 km vom Zentrum Wolgograds starben Hunderttausende.



Auf schlichten Steinquadern sind die Namen von 120.000 nicht mehr zu bergenden vermissten Toten verzeichnet.



Ob dieser Wunsch wohl jemals in Erfüllung gehen wird?



Unbedingt besuchen sollte man das Panorama Museum über die Schlacht von Stalingrad an der Wolga. Es steht direkt neben diesem unveränderten Haus als mahnende Erinnerung an die Kriegsereignisse.



Wolgograd ist eine moderne Stadt am Wolgaufer, heute leben hier über 1 Mio Menschen.



Die Sommerabende sind warm, tagsüber liegen die Temperaturen schon bei 40 Grad. Abends wird es lebendig, nur Schnaken sind es noch mehr als Menschen entlang dem längsten Fluss Europas.



2016 geht es dann an der Wolga entlang weiter nach Norden und schließlich über die baltischen Staaten zurück nach Hause.

2017 stehe ich dann im Mai wieder an der Grenze von der Ukraine nach Russland. Ich erkenne sofort "meinen" Grenzbeamten - der mit dem Vortrag - wieder. Wieder frage ich ihn in freundlichem englisch nach deutschen oder englischen Zollformularen. Er schiebt mir die russischen in kyrillischer Schrift bedruckten Formulare zu und sagt in sehr energischem Ton "Russisch!" . Immerhin hält er mir diesmal keinen Vortrag.
Ich bücke mich nochmals hinunter in die kleine Fensterklappe, schaue mit freundlicher Miene zu ihm hinauf und frage ihn nochmals, diesmal auf russisch nach deutschen oder englischen Formularen. Da schaut er mich kurz wortlos an, zieht seine Formulare zurück, geht zum PC und druckt mir weiterhin wortlos englische Formulare aus.
Was wenige Worte in der Landessprache sprechen zu können doch gleich bewirken können!
Dabei hätte mein russisch zu gar nicht viel mehr gereicht.



Fährt man abseits der Hauptstraßen kommt zu alten Wolgadörfern, in denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Und man kann in Russland fahren wo man möchte und immer trifft man auch auf freundliche Einheimische.



In Saratov fahre ich dieses Jahr über die hier 3 km breite Wolga und eine der längsten Brücken Europas von Saratov nach Engels.



Die "deutsche Straße" ist eine der wenigen Erinnerungen als in dieser Region einige hundert Tausend deutsche Aussiedler gelebt haben, deutsche Sprache und Kultur pflegen durften. Es wurden deutsche Amtsbezirke gebildet, die deutschen Kolonialisten wurden weitgehend autonom von Saratov aus verwaltet, es wurde deutsch gesprochen. 1917 mit der Machtergreifung der Bolschewiki sollte sich alles ändern und gipfelte in der Deportation unter Stalin 1941.



Heute ist zumindest das Zentrum Saratovs eine moderne und besuchenswerte Stadt mit einer reizvollen Lage am Wolgaufer.



Jetzt kommt Neuland aber das beginnt freundlich, auch wenn beim Tanken in Russland eigene Regeln gelten, aber der Sprit ist zumindest billig und Tankstellen gibt es genügend.

 
Die nächsten 1500 km bis zur usbekischen Grenze sind eintönig und heiß. Alles ist flach, kaum einmal Schatten aber Temperaturen bis fast 40 Grad.
Die Pferde suchen sich einen kühlenden Platz im Wasser,



den Kamelen, die wie die Pferde oder Kühe hier überall frei herumlaufen können scheint die Hitze egal zu sein. Mir eher nicht, ich starte früh morgens um der Nachmittagshitze entgehen zu können und trotzdem vorwärts zu kommen.



Gelegentlich werde ich aufgehalten. Das Motorrad und der Helm üben offenbar eine besondere Anziehungskraft aus. Aber überall in Kasachstan sind die Polizisten freundlich und nur neugierig. Das sollte sich noch ändern.



Endlich erreiche ich über Ural und Atyrau am Kaspischen Meer den letzten Ort in Kasachstan, Beineu. Es gibt hier am Ende Kasachstans einige Unterkünfte wo ich einen deutschen Radler treffe, der in 2 Monaten hierher geradelt ist!



Von hier suche ich erst mal eine Straße in Richtung Usbekistan. Ausgeschildert ist jedenfalls keine nur ein erbärmlicher Rest einer Straße führt über die Bahngeleise und dann 90 km in Richtung Usbekistan. An manchen Stellen schauen spitze Reste von Stahlmatten aus den Betonfragmenten der einsmaligen Straße. 3 Stunden brauche ich bis zur Grenze im Niemandsland, von der es viele Schauergeschichten gibt.



Mit dem Motorrad fahre ich an der Warteschlange der Autos vorbei, das ist hier überall selbstverständlich. Dann geht es nicht mehr weiter. Vor mir stehen 4 Lastzüge, nirgends Platz vorbeizukommen. Nur ein Gehweg, vielleicht 80 cm breit zwischen den LKW und einer Mauer. Ein Blick nach vorne zum Grenzsoldaten am Eisentor und ich fahre auf dem Gehweg zu ihm vor.
Ein Blick in meinen Pass, das große massive Eisentor öffnet sich und ich kann zu Kontrollstelle vorfahren.
Heimlich ein Bild, Autos werden hier regelrecht auseinandergenommen.
In meine Taschen und Koffer will man zumindest auch einen Blick werfen, aber überall wird mir geholfen, Formulare gebracht und ich bekomme  meinen Stempel. Noch eine Kopie 200 m weiter und wieder zurück. Ich darf zum anderen Eisentor. Der Grenzsoldat sieht dann den Fehler. Der Stempel ist im letztjährigen Visum. Nochmals zurück, den Beamten ist es offenbar peinlich und sie bemühen sich sehr, aber der Computer ist für eine Stunde ausgefallen und so komme ich nach gut 3 Stunden heraus. Die Zeit wird mir heute fehlen, aber alle waren sehr freundlich, die vielen Horrorgeschichten über diesen Grenzübergang haben sich nicht bewahrheitet.



In Usbekistan


 
Ich kann es noch nicht so recht glauben. Ich bin in Usbekistan!
Verkehr ist hier zumindest Mangelware und die Straße ist gerade mal richtig gut. Vielleicht schaffe ich mein Tagesziel noch.



In Usbekistan gibt es zwar viele Tankstellen, aber da gibt es keinen Sprit. Den gibts außer in Tashkent nur in Wasserflaschen auf dem Schwarzmarkt. Deshalb wollte der freundliche "Benzineingießer" auch nicht von vorne aufs Bild.  Und heute hatte ich immerhin 700 km vor mir. Unterwegs wollte ich meine Zeit nicht mit dem Suchen von Sprithändlern verplempern und hatte sowohl meinen 34 Liter Tank wie auch meine Reservekanister gefüllt. Damit sollten knapp 900 km möglich sein. Ich hatte also Reserve.



Die letzten beiden Fahrstunden war es schon dunkel, als ich nicht immer erfolgreich versuchte den unzähligen und oft tiefen Schlaglöchern auszuweichen. Dann war ich an irgend einem Guesthouse angekommen und da gabs auch ein kaltes Bier. Usbekistan ist überwiegend ein Wüstenstaat. Die Städte sind Oasenstädte. Und es war heute heiß.
Erst am nächsten Morgen konnte ich sehen wo ich genau war. Ich saß gegenüber der Stadtmauer der Altstadt von Chiva.



Auch Chiwa an der alten Seidenstraße ist eine Oasenstadt westlich des Amadurja, der in der Antike als Oxus bekannt war. Die Stadt am Verbindungsweg zwischen Indien und Europa hatte immer ein strategische Bedeutung und viele Herrscher und war schon im 10. Jh eine bedeutende Handelsstadt.



"Die" Seidenstraße gibt es eigentlich nicht, vielmehr war es ein Netz von Karawanenwegen, die Asien mit dem Mittelmeer verbunden haben. Hauptsächlich wurde Seide, aber auch Gold, Silber und andere Güter gehandelt. Auch Marco Polo nutzte sie, der Begriff Seidenstraße wurde aber von dem deutschen Geografen von Richthofen geprägt.



Das Wahrzeichen der Festungsstadt Chiva mit seinen 18 Minaretten ist das unvollendete, blaue Minarett Kalta Minor. Es ist nur 29 Meter hoch, hätte eigentlich 70 - 80 m hoch werden sollen.



Über den Dächern und Kuppeln der komplett von einer Festungsmauer umgebenen Altstadt Chivas steht auch das höchste Minarett Usbekistans, das Islom Xo'ja-Minarett mit 44 Metern.

 
Frühmorgens und abends hat man Chiva fast für sich allein. Die Reisebusse sind noch nicht da oder schon wieder weg und man auf einer Dachterasse zu Abend essen und den Blick genießen. Allein das war jede Mühe dieser Reise wert.



Geht man auf der anderen Seite aus Chivas Altstadt wieder durchs Tor hinaus steht man auf dem Bazar, der auch einen Besuch wert ist.


Weiter geht es demnächst in Richtung Buchara.